Interview mit dem Gründer

Ich interessiere mich für die Geschichte von Volunt2Thai - Gründung 2013. Herr Wagner, der nach Abschluss seiner Ausbildung unbeabsichtigt nach Thailand kam, war bereit für ein Interview. 

Herr Wagner, wie entstand Volunt2Thai?
Volunt2Thai war eine private Initiative, die ich 2013 mit Unterstützung meiner Familie und einiger uns nahestehender Freunde ins Leben gerufen habe. Es ist ein Projekt, das nachhaltig sein soll und eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Wir wollen den Kindern der umliegenden Dörfer eine Zukunft geben und die Region beleben.

Wie kamen Sie dazu sich privat zu engagieren?

Um das zu erklären, muss ich 25 Jahre zurück denken. Nach meiner Ausbildung konnte ich einiges an Geld zusammensparen und plante damit nach Australien zu gehen. Durch Zufall landete ich aber in Thailand, in Bangkok. Da ich mir als junger Mann leicht tat, die thailändische Sprache zu erlernen, bekam ich anfangs bald Aufträge als Dolmetscher für verschiedene Firmen.

Gleich neben den Bürogebäuden und dem Wohnhaus wo ich wohnte lagen die Slums. In diesen hielt ich mich häufig auf – einerseits um im Gespräch mit den Leuten die Sprache zu lernen, andererseits um die Hintergründe des Lebens in Bangkok zu erfahren. Ich erfuhr, wie es gleichaltrigen ohne Ausbildung ging. Ich erfuhr von den Sorgen und Nöten der jungen Familien, der jungen Frauen und Männer.

Viele hatten bereits Kinder, die zweite Generation, die die Slums wohl nur schwer hinter sich lassen würden können. Ich bin damals mit den Familien der Slums zusammengesessen, in den Buden aus Blechdächern, wo die Bewohner mit Macheten schlafen gehen und habe mir ihre Geschichten angehört. Über all dem lag der ätzende Geruch von Urin und Feuchtigkeit, die jungen Mädchen stillten ihre Kinder auf stinkenden Matratzen und die jungen Männer verdingten sich als Leibeigene. Kriminelle Geschäfte waren an der Tagesordnung. Davon erzählten Narben von Einstichen und andere Verstümmelungen, die mir jene zeigten, die Bandenkriege, Messerstechereien und Schusswechsel überlebt hatten. Oft verloren Jugendliche schon vor dem 15 Lebensjahr ihr Leben.

Verlassene Mädchen aus den Dörfern ließen damals wie heute ihre Kinder bei den Großeltern, versuchten einen geregelten, seriösen Job zu bekommen und scheiterten letztlich an der fehlenden Ausbildung. Vielen blieb nur noch die Prostitution.

- Diese Erfahrungen haben mich geprägt.

Warum ist diese Erfahrung wichtig für die Gründung Ihres Projektes Volunt2Thai?
An der Situation hat sich bis heute nichts geändert. In den Dörfern leben Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, von den Großeltern erzogen werden. Es fehlt eine Generation in den Dörfern. Großeltern und Kinder passen gegenseitig aufeinander auf, die Alten sind oft schon krank. In Thailand herrscht eine 9jährige Schulpflicht, mit 15 ist die Schulbildung in den Dörfern aber vorbei, für eine weitere Ausbildung fehlt das Geld und wenn es nur das Geld für den Bus zur Schule ist.

Wie kam es dazu, dass Sie dann 20 Jahre nach dieser Erfahrung Volunt2Thai gründeten?
Im Jahr 2013 kam ich in das Dorf meiner Frau und wurde schlagartig an meine Erfahrungen in den Slums und die Zusammenhänge erinnert. Auch hier besteht die Dorfgemeinschaft in erster Linie aus Kindern und Großeltern. Ich führte ein Gespräch mit dem Bürgermeister, der mir die Frage stellte, ob ich etwas tun könne um das Leben der Menschen im Dorf zu verbessern.

Im ersten Moment schoss mir nur durch den Kopf: „Hier ist NICHTS, nicht einmal ansatzweise irgendetwas, was Grundlage für eine wirtschaftliche Entwicklung bietet!“ Allmählich bekam „das Nichts“ allerdings ein Gesicht, es war wie wenn sich der Nebel verflüchtigt und mir wurde klar, das genau dieses „Nichts“ die Chance der Region ist. Anders als in den Großstädten, wo sich Menschen gegenseitig auf die Füße steigen und nach Marktnischen suchen müssen, stand ich marktwirtschaftlich vor einem weißen Blatt. Ich setze mich an meinen Computer und begann eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten mit Feldstudie und Schreibtischstudie. Ich definierte die Eckpfeiler für ein Projekt. Dieses Konzept nannte ich Volunt2Thai und legte es dem Gemeinderat vor, der es einstimmig annahm. Damit hatte ich grünes Licht um mit der Umsetzung zu beginnen. Ich hatte mittlerweile schon eine zwanzigjährige Berufserfahrung als Berater und Projektmanager in Thailand gesammelt. In dieser Position ist man es auch gewohnt mit regierungsnahen Stellen zu arbeiten, gemeinsam Projekte umzusetzen.

Wie finanzierten Sie den Start von Volunt2Thai?
Gemeinsam mit meiner Thai Familie und nach Abwägung der Risiken startete ich das Projekt als Privat-Initiative. Erst später kam es zur Gründung des Vereins in Wien und den Kooperationen mit den weiteren Dörfern und Schulen, in heutigen Form. Meine Thai-Familie und ich setzen unser Erspartes und unsere Arbeitskraft ein um das Projekt zu starten, auch Wertsachen mussten verkauft werden um zu Geld zu kommen. Doch wenn man sich aber einmal für diesen Schritt entschieden hat, gibt es kein Zurück mehr. Wir haben den Kindern unser Versprechen gegeben - viele Menschen glauben an unsere Arbeit und auch die Erfolge sprechen dafür, dass wir dass Richtige tun. Wichtig ist dass noch viel mehr Menschen von unserer Arbeit erfahren und unser Angebot nutzen. Volunt2Thai ist eine Bereicherung für die Kinder aber auch für jeden freiwilligen Helfer.

Gab es auch von Anfang an andere Einnahmequellen als Ihr Erspartes?
Ja, wir erhielten schon sehr früh Spenden von guten Freunden, ohne diese hätte das Projekt nicht so lange überlebt. Es stehen noch viele gemeinnützige Projekte an und auch hier benötigen wir noch Partner und Spender zur Finanzierung.

Wie lange dauerte es, bis der erste Freiwillige kam?
Es bedeutete ein Jahr intensiver Arbeit in allen sozialen Netzwerk-Kanälen um langsam zu den interessierten Freiwilligen vorzudringen. Gerade bei den ersten Freiwilligen möchte ich mich besonders bedanken, denn für sie war es genauso wie für uns reine Pionierarbeit.

Was ist Ihre Vision bezüglich des Projektes Volunt2Thai?

Wir begleiten die Kinder mit dem Freiwilligendienst mittlerweile schon seit 4 Jahren. Die Erfolge sind großartig die Kinder können sich an Ihren Freunden aus der westlichen Welt orientieren und erleben viel Freude. Kommuniziert wird mittlerweile auf Englisch aber auch die Freiwilligen lernen Thai so gut es geht.

Es soll eine völlig neue Generation hier in der Region entstehen, Kinder mit einem Verständnis für die Welt, Hand in Hand mit den Freiwilligen. Die Freiwilligen lernen hier soziale Kompetenzen, welche sie später nicht nur im Berufsleben einsetzen werden. V2T ist ein Ort wo Freundschaften entstehen. Die Schüler von heute sind die Basis der Region von morgen. In 20 Jahren sitzen die Kinder, welche wir heute unterrichten mit den Erfahrungen von heute im Gemeinderat.

Wir wollen den Kindern der Region eine Chance auf eine Zukunft in der Region ohne Drogen und Prostitution geben. Das wollen wir erreichen, indem wir Ihnen zu einer Ausbildung verhelfen. Es sollen regionale Produkte geschaffen werden, die Tagestouristen anlocken und so die Region beleben. Auf diese Art sollen Arbeitsplätze in der Region geschaffen werden und Teile des Projektes sollen sich finanziell selber tragen.

Wie erfahren Freiwillige vom V2T Projekt?

In erster Linie durch Mund-zu-Mund-Propaganda von Freiwilligen. Außerdem sind wir ständig bemüht unser Partnernetzwerk mit Universitäten und anderen NGOs zu erweitern. Wir sind auf Freiwilligendienst-Messen vertreten und setzen auf unsere Präsenz im Internet, vor allem auf den sozialen Netzwerken.

Es gibt noch viel zu tun und wir sind auf die Freiwilligen angewiesen. Wir sind auch bemüht die Möglichkeiten zur Unterbringung der Freiwilligen zu erweitern um permanent 30 Freiwillige im Dorf unterbringen zu können. Leider haben wir noch viel zu wenig Freiwillige, die eine längere Zeitspanne bei uns verbringen.
 
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„Raimund Wagner 1968 in Wien geboren ist seit Ende der 90’er als Projektmanager, als Spezialist für Marktentwicklung in Asien tätig. Seine Spezialgebiet ist die Erschließung neuer Märkte, inklusive Aufbau von Produktions- Vertriebs und Wartungsstrukturen“